31.08.2012

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Weiße Federn, schwarzes Fell

Sprengel Museum Hannover
Ausstellung Termine

Weiße Federn, schwarzes Fell Tiere in Darstellungen des 20. Jahrhunderts 2. September 2012 – 10. Februar 2013
Tiere sind dem Menschen vertraut und zugleich fremd, sie werden verniedlicht und vermenschlicht, geliebt oder gefürchtet. Auch in Gestalt der Chimäre bevölkert das Tier Fabeln, Märchen und Mythen.

Der Blick auf die Tiere in der Ausstellung „Weiße Federn, schwarzes Fell“ führt auf den Menschen zurück und lässt eine tiefer gehende Verbindung zwischen Mensch und Tier mitdenken. Sinnbildlich trennen Fell und Federn das Innenleben von der Außenwelt und werden zur Projektionsfläche von Wunschvorstellungen und Ideale, Ängsten und Erfahrungen des Menschen. Die Auseinandersetzung mit dem Tiermotiv, die so alt wie die Menschheit selbst ist, kreist um Subjekt und Objekt und die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier. Es ist ein wandelbare Mensch-Tier-Verhältnis, das sich in den ausgewählten Werken, von Gemälden und Skulpturen, über Grafiken und Zeichnungen bis hin zu Videos offenbart. Die Ausstellung öffnet die Argumentation darüber hinaus ins 21. Jahrhundert.

Tiere beschreiben, etwa in den Werken von Franz Marc, ein heilsames Verhältnis des Menschen zur Natur oder seine Entfremdung von ihr. Mensch und Tier sind hier Teil des Daseins in einem übergeordneten Gefüge von Natur und Kosmos. Nicht nur Franz Marc, auch Ewald Mataré und Joseph Beuys erforschten das Tier bis zur Abstraktion und verliehen einer herbeigesehnten und verlorengegangenen Sicht auf die Welt Ausdruck. Dem setzt Anri Sala in dem Video „time after time“ mit einer alten Mähre am Straßenrand eine Antinomie entgegen, die demonstriert, wie sehr der Mensch heutzutage die Fähigkeit des Sicheinfühlens abgelegt hat.

Ihre Lebendigkeit und Bewegung lässt die Tiere in der Kunst zu einem dynamischen, animalischen Prinzip werden. Damit stehen sie für eine Entwicklung oder repräsentieren einen bestimmten Seinszustand. Linien und Strukturen in den Werken Paul Klees, mit denen er Tiere umfasst oder die Natur in überbordenden Landschaften zu fremdartigen Wesen hin aufschlüsselt, beschreiben nichts weniger als die Geschichte der Natur. Unter mikroskopischer Sicht durchleuchtet er diese Prozesse und bringt sie in der künstlerischen Analyse auf die Ebene des Menschen. Der tschechische Künstler Karel Teige belebt dagegen seine Vorstellungen von Natur in surrealistischer Antithese zu einer von gesellschaftlicher Erstarrung erfüllten Umwelt mit weltentrückten Chimären.

Die Charaktereigenschaften und spezifischen Fähigkeiten von Tieren bieten ein Äquivalent zum Alter Ego des Künstlers und zur Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Schaffen an. Ein Schauspiel wie der ritualisierte Kampf bis zum Tod hatte etwa Pablo Picasso dergestalt für sich angenommen und sich mit ihm gleichgesetzt, dass sich nach Aussage von Lebensgefährtin Françoise Gilot in seinem „Leben die Dinge wie in einem Stierkampf abspielten“.

Tiere können für ein Bild des Lebens ebenso wie für das Gegenbild des Todes stehen. Im Werk von Renée Sintenis beschreiben die Darstellungen von Jungtieren vor dem Zweiten Weltkrieg ein intimes Lebensgefühl, doch geraten sie im Angesicht des Terrors zum einzig verbleibenden Ausdruck von Gefühlsregungen und zum Besinnungsmoment für den Menschen.

Tiere sind Reminiszenzen an private Lebenssituationen, wenn Max Beckmann zu seinen in sich gekehrten Selbstporträts während der 1910er- und 1920er-Jahre die Katze gesellt. Gleichermaßen werden sie zu einem Spiegel der Gesellschaft, wenn die Bewohner fremdartiger Unterwasserwelten in den Filmen Jean Painlevés – erstmals in Deutschland in der restaurierten Originalversion gezeigt – in ein Vexierspiel mit existenziellen oder prekären Zuständen des menschlichen Seins eintreten.

Nicht zuletzt werden Tiere zu einem Anhaltspunkt für jene Fragen, die die Differenz zwischen Mensch und Tier, die von Menschen aufgestellten Kategorien des Daseins oder den Standort des Betrachters betreffen. Die Umkehrung konventioneller Verhältnisse von Natur und Kultur setzt beispielsweise Corinna Schnitt in ihrem Video „Once upon a time“ in Szene, indem sie die Kategorien Haus-, Hof- und Wildtier im Biotop des menschlichen Heims ins Chaos verkehrt, aus dem der Mensch ausgeschlossen wird.

Zugespitzt wird diese Zusammenführung von Verbundenheit und Differenz zwischen Mensch und Tier in Märchen und Fabeln, in denen subtil elementare Erfahrungen oder Moralvorstellungen austariert werden. Marc Chagall löst in seinen Illustrationen der Fabeln die Polarität von Gut und Böse in einer Welt auf, die Mensch und Tier in gegenseitigem Respekt bewohnen. In märchenhafter Weise verleiht Niki de Saint Phalle Lebensängsten die Gestalt eines Drachens, so dass sie in seiner Begleitung in ihrem Werk ihren Schrecken verlieren. Ganz anders gewinnen Gut und Böse ein Eigenleben und werden zu einem von seiner Zwiespältigkeit zur Verzweiflung getriebenen Mischwesen in Nathalie Djurbergs Video „We are not two, we are one“.

Zusammenfassend lässt sich beobachten, dass es Tiere sind, die für die Auseinandersetzung mit existenziellen Themen oder gesellschaftlichen Utopien herangezogen werden, was sich auf ihre Verbindung mit dem Menschen und ihre Bedeutung für ihn zurückführen lässt. Als Lebewesen, das mit dem Menschen die Welt teilt, zollt der Mensch dem Tier Empathie. Tiere lassen Identifikation ebenso zu wie die Wahrung einer Distanz – sie bleiben ein Rätsel und finden doch einen direkten Zugang zum Menschen. In den ausgewählten Werken wird vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse seit dem 20. Jahrhundert und im Kontext der künstlerischen Werkläufe nicht nur das Gegenüber eingefangen, sondern Bild unseres Zusammenlebens aufgetan.

Die Ausstellung umfasst rund 190 Werke von Künstlerinnen und Künstlern wie Max Beckmann, Joseph Beuys, Marc Chagall, Nathalie Djurberg, Lothar Fischer, Paul Klee, Franz Marc, Marino Marini, Ewald Mataré, Christiane Möbus, Jean Painlevé, Pablo Picasso, Dieter Roth, Anri Sala, Niki de Saint Phalle, Corinna Schnitt, Karel Teige.

Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (176 Seiten) mit einem Vorwort von Ulrich Krempel, Beiträgen von Steffen Eigl, Michael Hering, Annerose Rist und Isabelle Schwarz, sowie zahlreichen farbigen Abbildungen. Preis: 20 Euro.

Eröffnung
Sonntag, 2. September 2012, 11.15 Uhr

[PM Sprengel Museum Hannover, 31.08.2012, Dr. Isabelle Schwarz]

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