27.01.2012

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A Return to Painting. Eine Rückkehr zur Malerei

Ausstellung Termine

Sprengel Museum Hannover Ilya Kabakov
1961-2011
29. Januar – 29. April 2012

Die Malerei ist seit den frühen 1960er-Jahren im Werk von Ilya Kabakov ein fortwährend zentrales Merkmal. Sie hat ihn als Alternative in jener Zeit begleitet, in der er in der Sowjetunion als Kinderbuchillustrator sein Geld verdiente; sie hat immer wieder als ›opus magnus‹ die Serien von Zeichnungen und Alben unterbrochen, in denen der Künstler seine Ideen und Geschichten entwickelt hat. Sie hat Akzente im Œuvre gesetzt, wo sie die Bildfindungen einzelner Zeichnun- gen aufgegriffen hat. Kabakov hat die Malerei in Rollenspielen durchexerziert: In der Erfindung verschiedener Künstlerpersönlichkeiten, Personnagen genannt, hat er ein weit gefächertes, freies künstlerisches Arbeiten in verschiedenen Fassungen erprobt, theatralisch in die Welt gesetzt, mit erfundenen Werk- und Lebensläufen. Es scheint, als habe sich Ilya Kabakov als Maler dabei immer auch hinter den erfundenen Personnagen verbergen können, seine eigene Identität nicht preisgegeben, sondern in Fiktionen und Rollenspielen versteckt. Auch in den unzähligen Installationen der letzten Jahrzehnte, die er gemeinsam mit seiner Frau Emilia realisierte, spielt die Malerei immer wieder eine zentrale Rolle.

Seit etwa dem Jahre 2003 hat Ilya Kabakov sich von der künstlerischen Installation weitgehend abgewandt und forciert nun eine sehr persönliche Malerei, in der er eine Revision des Gelebten und Geleisteten, der Bilder der Vergangenheit, der Bildwelten des sowjetischen Sozialismus vornimmt.

Es beginnt der Prozess der Umkehrung, der Besinnung, des Reflektierens. Auch wenn die Erinnerung, das Umgehen mit dem hinter sich Gelassenen auch über die Jahre zuvor ein zentrales Thema seiner künstlerischen Arbeit gewesen ist, wird es jetzt ein eher persönlich gefasstes. Nur der malende Künstler und der Betrachter vor der Leinwand bleiben, das Œuvre verlässt die Rauminstallation, in der der Betrachter Teil eines erzählerischen und räumlichen Kontinuums werden kann.

»Sie fliegen«

Unter den vielteiligen Bildfolgen, die seither entstanden sind, ist die Serie »Sie fliegen«. In ihr findet das Entschwinden der realen Welten seine bildlichen Entsprechungen. Die fliegenden und fliehenden Bilder im weißen Bildraum benennen Abschiede und schaffen den Anklang an gegensätzliche Traditionen der Kunst des 20. Jahrhunderts, an eine abbildende und konstruktive, abstrakte.

Über die verschiedenen Stationen des zwanzigteiligen Zyklus’ vermögen wir zudem Entwicklungen und Rollenspiele zu verfolgen; da sind die Heroen jener Zeit, die geschäftigen Verwalter, die Urlaubenden, die die Natur Erlebenden, die Sportler und Frauen, die Kinder und glücklichen Alten. Sie alle befinden sich im Abflug; sie alle verschwinden aus der vorderen Bildfläche. Längst haben sich ihre Abbildungen in ein anderes Bild hineingekehrt, verlieren sich in einem immateriellen Raum der verblassenden Erinnerung.

Kabakov stellt seine Arbeit in seinen persönlichen Kommentaren oft in unmittelbare Zusammenhänge, bezieht sie auf die Moderne der 1920er- und 1930er-Jahre. Die Bilderfindungen haben indes Parallelen und gelegentlich anklingende Vorbilder, die weiter in die Kunstgeschichte zurückreichen. Es wird in den Arbeiten Kabakovs aus den letzten Jahren besonders deutlich, dass er sich historisch intensiv verortet. Seine Bezugsrahmen sind nicht allein die sowjetische Moderne der 1920er- und 1930er-Jahre oder die negative Folie der 1950er- und 1960er-Jahre im Leben der Sowjetunion. Kabakov rekurriert auf eine humanistische Bildung, die die Museen zu idealtypischen Orten für das Überleben der Kunst macht.

»Drei Gemälde mit dunklem Fleck«

Ungewöhnlich direkt und persönlich sind auch einige der jüngsten Werkgruppen. In den »Gemälden mit dunklem Fleck« erschafft der Maler einen vielfältig fokussierten, montierten Bildraum, in dem persönliche Erlebnisse – wie ein Japanaufenthalt anlässlich der Verleihung des Premium Imperiale – eine vom Künstler gedachte große Szene entstehen lassen. Was in der Gesamtkomposition dieser großformatigen Gemälde auffällt, ist das Thema des aktiven Betrachters, der in die komplexe Malwirklichkeit einbezogen wird. Kabakov inszeniert ein malerisches Großereignis, das sich auf die Überführung der Collage in die Malerei bezieht, eine distanzierte Seherfahrung auflöst und uns in einen immateriellen Raum mitnimmt. Er bildet sich aus der Addition und Verschränkung vieler einzelner Bildelemente heraus. Die dunkle Farbigkeit setzt diese Bildgruppe deutlich von der offenen Präsentation der Familienbilder aus der Gruppe »Sie schauen« ab.

»Sie schauen«

In dieser Serie imaginiert Kabakov, nur fußend auf einigen wenigen Familienfotografien, die Gegenüberstellung des Malers wie Betrachters mit den realen und imaginierten Figuren der persönlichen Vergangenheit des Künstlers. Die Tanten, Onkel, die Mutter und der kindliche Ilya Kabakov schauen auf uns, in Vergegenwärtigung eines verflossenen Lebens in einem jüdischen Familienverbund in der Sowjetunion der Stalinzeit.

Ilya Kabakov hat in seinem eigenen Kommentar zu dieser Bildfolge von den Verlusten gesprochen, die jede dieser Personen für ihn darstellt. Die Bilder der Tanten und Onkel, die Bilder der Familie, das Porträt des kleinen Ilya auf den Knien seiner Mutter sind konkrete Anknüpfungspunkte, möglich mit Hilfe von wenigen bewahrten Familienfotografien und der Erinnerung des Künstlers. Dies trifft sich mit dem visuellen Auslöser der Folge, der Qualität weit zurückliegender Malerei, in diesem Fall dem Gruppenporträt der »Syndici der Tuchmachergilde«, 1663 gemalt von Rembrandt. Rembrandts Intensität des Blicks der Porträtierten, die sämtlich aus dem Bildfeld heraus dem Betrachter in eine direkte Kommunikation spannen, wird vom Künstler zum Auslöser des Bedenkens der eigenen Geschichte. An die Stelle der Syndici treten die Mitglieder der Familie, tritt der Blick bekannter und verwandter Menschen, die einen Kontakt einfordern und einen Dialog, der vom Künstler nur durch die Evokation ihrer Bilder noch geleistet werden kann.

Der komplexe und schmerzhafte Prozess unbeendeter Kommunikation, der Blick ins Jenseits, der Versuch, noch einmal über die Blicke ins Gespräch miteinander zu kommen, um die Dinge zu Ende führen zu können, dies alles steht hinter der großen Setzung in diesen Bildern. Das Wissen des Alters davon, dass ein jeder seiner eigenen Geschichte gegenüber verantwortlich ist, mag einer der Gründe für einen solchen radikalen Schritt in die ungewohnte Subjektivität dieser Malerei gewesen sein.

Die Ausstellung umfasst ca. 60 Gemälde sowie drei Modelle für nicht realisierte Installationen/Denkmäler. Präsentiert werden frühe Werke, unter anderem aus der Folge »Am Rande«, sowie Werke aus folgenden Serien und Gruppen: »Drei Gemälde mit dunklem Fleck«, »Sie fliegen«, »Gemälde mit Tür«, »Raumcollagen« und »Sie schauen«. Das malerische Œuvre Ilya Kabakovs ist in diesem Umfang und dieser Vielfalt bislang noch nicht gezeigt worden.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Abbildungen aller Werke sowie Texten von Ilya Kabakov, Karin Hellandsjø und Ulrich Krempel im Kerber Verlag (278 Seiten, Hardcover, 29 Euro).

Eröffnung der Ausstellung

Sonntag, 29. Januar 2012, 11.15 Uhr
Es spricht Prof. Dr. Ulrich Krempel.
Der Künstler ist anwesend.

[PM Sprengel Museum Hannover, 27.01.2012, Dr. Isabelle Schwarz]

Sprengel Museum Hannover

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