70 Jahre Erneuerung des Großen Gartens
“… prächtiger und reizvoller denn jemals …”
1937 war ein entscheidendes Jahr in der Geschichte der Herrenhäuser Gärten: Die Stadt Hannover feierte die Wiedereröffnung des Großen Gartens, nachdem sie ihn 1936 erworben und mit großem Einsatz erneuert hatte.
Ab dem 1. April zeigen vier Ausstellungen ein bisher kaum bekanntes Kapitel der Gartengeschichte aus der NS-Zeit in Hannover: Viele Elemente des barock anmutenden Großen Gartens wurden erst in den 1930er Jahren eingefügt. Dahinter standen politische Ziele wie zum Beispiel der Wahlkampf des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Arthur Menge und die touristische Vermarktung der “Großstadt im Grünen”. Für den Laien sind diese Eingriffe kaum von der älteren Substanz zu unterscheiden.
Erstmals ist dieser wichtige Zeitabschnitt des Großen Gartens ausführlich erforscht und anhand einer Fülle von historischen Bildern und Texten veranschaulicht worden. Vier Einrichtungen haben sich gemeinsam dieser Aufgabe angenommen: die Herrenhäuser Gärten, das Zentrum für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur (CGL) der Leibniz Universität Hannover, das Historische Museum und das Stadtarchiv, gefördert von der Niedersächsischen Lottostiftung. Die vier Ausstellungen ergänzen einander, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Auf diese Weise binden sie die Erneuerung des Großen Gartens in den 1930er Jahren in das damalige Umfeld der Gartenkultur und Grünflächenpolitik Hannovers ein. Sie hinterfragen dabei durchaus kritisch die Beweggründe der Erneuerung und die Vermarktung des “neuen” Großen Gartens im Rahmen der nationalsozialistischen Propaganda.
Die Erneuerung des Großen Gartens 1936/37
Die Ausstellung zur Erneuerung des Großen Gartens 1936/37 hat die Historikerin Heike Palm, eine herausragende Kennerin der Geschichte dieses Gartens, in Zusammenarbeit mit Andrea Koenecke im Auftrag des CGL erstellt. Sie ist in den Räumen der Fakultät Architektur und Landschaft gegenüber dem Großen Garten zu sehen.
Auf über 20 Tafeln ist einleitend die Glanzzeit Herrenhausens dargestellt. Anders als heute hatte damals die Kultur von Nutzpflanzen einen ausgesprochen hohen Stellenwert. Zu erfahren ist hier auch, weshalb die barocke Grundstruktur im Gegensatz zu vielen anderen Anlagen im 18. und 19. Jahrhundert erhalten blieb, wie sich Anfang des 20. Jahrhunderts der Pflegezustand dramatisch verschlechterte und warum schließlich die Stadt Hannover den Garten erwerben konnte.
Ausführlich dargestellt sind die Maßnahmen der Erneuerung 1936/37: Wesentliche Elemente des Großen Gartens wie der Irrgarten, die Aussichtsterrasse, die acht Sondergärten und der Irrgarten wurden als aktuelle “Zutaten” eingefügt, Parterre und Wasserspiele weit aufwändiger ausgestaltet und der Garten spektakulär illuminiert. 1937 “prächtiger und reizvoller denn jemals” wieder eröffnet, folgten schon bald die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Über Kriegsgemüsebau, die erneute Wiederherstellung bis 1966 und den aktuellen Umgang mit diesem vielschichtigen Gartendenkmal spannt die Ausstellung einen Bogen bis in die heutige Zeit.
Deutsche Pflanzen, deutsche Gärten?
Hannovers Grün in brauner Zeit
Im Historischen Museum haben sich Wolf-Dieter Mechler und Wilfried Dahlke mit Hannovers Grün in brauner Zeit auseinandergesetzt. Ihre Ausstellung “Deutsche Pflanzen, deutsche Gärten?” geht der Frage nach einer NS-spezifischen Handschrift ausgewählter Grünprojekte nach. Der nationalsozialistische Einfluss im Grünen beginnt schon kurz nach der Machtergreifung im Juni 1933 bei der Eröffnung der JaDeGa, der Jahresschau Deutscher Gartenbau im erweiterten Stadthallengarten. Stadtgartendirektor Hermann Kube rief dazu auf, dem “verehrten Reichskanzler Adolf Hitler” treue Gefolgschaft zu geloben.
Die neue Machtfülle Oberbürgermeister Arthur Menges erlaubte es ihm, seinen lang gehegten Traum vom Bau des Maschsees ab 1934 zu verwirklichen. Auch den Kauf der Herrenhäuser Gärten konnte Menge 1936 durchsetzen. In nur zehn Monaten Bauzeit ließ er den Großen Garten erneuern, um seine Wiederwahl zu sichern. Den Hermann-Löns-Park und andere Grünanlagen verdankt Hannover ebenso dieser Wahlkampfstrategie. Die drei wichtigsten Persönlichkeiten in Hannovers Grün zu dieser Zeit, Oberbürgermeister Arthur Menge, Stadtbaurat Prof. Karl Elkart und Stadtgartendirektor Hermann Wernicke werden mit ihren Verdiensten und Verwicklungen kritisch gewürdigt.
Marketing und Propaganda.
Werbemittel und Plakate von 1936 bis 1966
Das Stadtarchiv Hannover zeigt Werbemittel und Plakate von 1936 bis 1966, ausgewertet von Karljosef Kreter. Schon vor dem 1. Weltkrieg warb der Verkehrsverein mit dem Slogan “Großstadt im Grünen”. Daran knüpfte die Stadt mit ihrer Propagandaarbeit im Nationalsozialismus an. Nach der Erneuerung der Herrenhäuser Gärten trat sie als “Stadt der Gartenkunst” auf, um international Touristen anzulocken.
Die Wiedereröffnung des Großen Gartens 1937 war ein großes Spektakel und auch eine Machtprobe zwischen Menge und dem Reichsminister und Gauleiter Bernhard Rust. In nur einer Woche kamen 500.000 Besucher. Wenige Monate später war die Amtszeit Menges als Oberbürgermeister zu Ende.
Die Freude über das neue erstklassige Tourismusprojekt war bekanntlich nur kurz. Das Schloss wurde 1943 zerbombt, die Herrenhäuser Gärten trugen als “Kartoffel- und Gemüsefeld” zur Versorgung der Bevölkerung bei. Dennoch entwickelte sich Herrenhausen zum Zentrum des kulturellen Lebens der Nachkriegszeit: Das Galeriegebäude diente nach der Zerstörung der Oper 1943 bis zu ihrer Wiedereröffnung 1950 als Ersatzopernhaus. Am 11. Juli 1945 fand hier die erste deutsche Nachkriegsopernvorstellung mit “Cavalleria rusticana” und “Bajazzo” statt.
Mit “Musik und Theater in Herrenhausen” begann eine neue Epoche der Werbung für die Herrenhäuser Gärten, die 1966 in einen großen Marketingrummel um die Wieder-Wieder-eröffnung des Großen Gartens zum 300-jährigen Jubiläum mündete.
Hinter der Prächtigkeit
70 Jahre nach seiner Erneuerung verweist im Großen Garten selbst die von Ronald Clark konzipierte Installation “Zeitachsen” auf eine wechselvolle Geschichte. 15 Großbanner stellen am Originalstandort historische Ansichten dem jetzigen Zustand gegenüber: Arbeiter mit Schaufeln bei der Entschlammung der Graft, das Denkmal der Kurfürstin Sophie im Pavillon aus dem 19. Jahrhundert oder die feierliche Wiedereröffnung mit Vertretern aus Stadt und Partei im Ehrenhof. Den unvorbereiteten Gartenbesucher wird dies irritieren, aufmerksam machen und Fragen aufwerfen, die in den drei anderen Ausstellungen beantwortet werden.
Drei studentische Installationen im Großen Garten sind das Ergebnis eines Workshops des Zentrums für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur und der Fakultät für Architektur und Landschaft mit dem französischem Künstler und Landschaftsarchitekten Professor Bernard Lassus. Die Videoprojektion “Sichtwechsel” von Masashi Nakamura, Eva Nemcova und Stanislav Schwarz ist noch bis einschließlich 1. April abends auf der Ehrenhofmauer zu sehen. Überblendungen historischer Momentaufnahmen und aktueller Filmaufnahmen aus dem Großen Garten erlauben Blicke “hinter die Prächtigkeit”.
In einem der Triangel an der Großen Fontäne thematisieren Jonas Heinke und Till Kwiotek mit “Fruchtfolge” die Jahrhunderte alte Tradition des Nutzpflanzenanbaus im Großen Garten. Farbige Baumpfähle sind in dem historischen Raster der Obstbäume gesetzt. Unter die 1937 als “Füllgehölz” gepflanzten, mittlerweile stattlichen Bäume schiebt sich eine “neue alte” Schicht.
Die Installation “Rückblick” von Maria Brüning, Inga Jansen und Karolin Kaiser besteht aus vier im Garten aufgestellten Spiegelpaaren. Sie kennzeichnen Bereiche, wo geschichtliche und gestalterische Gegensätze aufeinander treffen, zum Beispiel vor der Grotte.
Der Workshop und die drei Installationen wurden gefördert vom französischen Kulturbüro “antenne culturelle francaise Niedersachsen” sowie von der Herrenhäuser Brauerei, Engelhardt Medientechnik, H.W. Ibsen, der Niedersächsischen Wach- und Schließgesellschaft und Baumert & Dabergotz.
Ausstellungskatalog und Informationen
Ein reich bebilderter Ausstellungskatalog, der neben allen Ausstellungen auch Kurzfassungen der Vortragsreihe enthält, ist für 14,90 Euro im Infopavillon am Großen Garten, im Historischen Museum und im Stadtarchiv erhältlich. Das kostenlose Faltblatt zu den Ausstellungen gibt es bei den Herrenhäuser Gärten, den städtischen Kulturbetrieben, der Tourist Information, der Universität und in den Stadtteilbibliotheken. Informationen zum Projekt “70 Jahre Erneuerung des Großen Gartens” sind auch im Internet unter www.herrenhaeuser-gaerten.de zu finden.
Vorträge zur Garten- und Zeitgeschichte
Bis zu 200 Gäste pro Abend besuchten die begleitende Vortragsreihe im Historischen Museum. Zwei Vorträge stehen noch aus: Am 12. April referiert der Leiter des Stadtarchivs, Karljosef Kreter, über die feierliche Wiedereröffnung des Großen Gartens 1937. Die Historikerin Heike Palm erläutert am 3. Mai die Erneuerung des Großen Gartens 1936/37. Die Vorträge sind kostenlos und beginnen jeweils um 18 Uhr im Historischen Museum.
Stadt- und Gartenführungen auf den Spuren der 1930er Jahre
Stattreisen Hannover e.V. bietet spezielle Führungen zur Erneuerung des Großen Gartens und zur Grünpolitik der 1930er Jahre an. Informationen dazu gibt es bei Stattreisen unter der Rufnummer 0511/1694166 oder im Internet unter www.stattreisen-hannover.de.
Die Ausstellungen (1. April bis 13. Mai) im Überblick
Herrenhäuser Gärten - Großer Garten
“Hinter der Prächtigkeit”
Herrenhäuser Straße
geöffnet täglich 9 bis 19 Uhr, ab 1. Mai bis 20 Uhr
Eintritt drei Euro, Kinder bis 14 Jahre frei
Leibniz Universität Hannover, Fakultät Architektur und Landschaft
“Die Erneuerung des Großen Gartens 1936/37″
Herrenhäuser Straße 8
geöffnet Mo bis Fr 9 bis 20 Uhr, So und Feiertage 12 bis 17 Uhr
Eintritt frei
Historisches Museum am Hohen Ufer
“Deutsche Pflanzen, deutsche Gärten? Hannovers Grün in brauner Zeit”
Pferdestraße 6
geöffnet Di, Do 10 bis 19 Uhr, Mi bis So und Feiertage 10 bis 17 Uhr, Mo geschlossen
Eintritt fünf Euro, ermäßigt vier Euro, freitags frei
Stadtarchiv Hannover
“Marketing und Propaganda. Werbemittel und Plakate von 1936 bis 1966″
Am Bokemahle 14-16
geöffnet Mo und Fr 8.30 bis 15.30 Uhr, Di und Do 11 bis 18 Uhr, Mi geschlossen, 1.April 12 bis 17 Uhr, am 1. April Führungen um 13, 14 und 15 Uhr.
Eintritt frei
[PM LH Hannover, 30.3.2007]









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Grüße s. Swolle
Kommentar von stephanie swolle — 19. April 2007 @ 21:41